Nachtrag zu Pakistan

Jetzt schreibt hier mal die Andac

Also eigentlich weiss ja jeder, dass ich zum Glück wieder heil zurück gekommen bin (nachdem ich sooooo Angst vor dem hatte, was mich wohl dort erwarten wird). Und im Nachhinein (wie so oft) bin ich sehr froh, dass ich diese Möglichkeit genutzt habe und mir auch einen Wunsch erfüllen konnte.
Es war totaaal verrückt. Ich meine, mir sollte das Ganze nicht ganz so fremd sein wie manch anderen Menschen vielleicht, nachdem ich ja eine Döneresserin bin, aber so was….
Frauen sind da ja die “letzten” Wesen, die von Männern wahrgenommen werden. Mir hat keiner in die Augen geschaut, keiner hat mir die Hand gegeben, keiner nach meiner Meinung gefragt. Mit keiner ist hier natürlich das männliche Geschlecht gemeint. Ich war wie Luft, woran man sich erst einmal gewöhnen muss.
Ausser einer, und der war der Sohn von dem Grossgrundbesitzer/ Bürgermeister in einem kleinen Ort, abgeschieden von der Menschheit, wo eigene Gesetze herrschen. Und dieser eine hatte geschielt, gelispelt und wollte mich in seinem Harem haben.
Die Situation dort hat sogar unseren pakistanischen Übersetzern und dem Tobi (Medizinstudent aus dem 10. Semester, wusste sehr viel, hat sich sehr viel getraut und war der Gott dort für die Männer) sogar Angst eingejagt. Und die Toilette erst (das dreckigste schmuddeligste Plumpsklo auf der ganzen Welt…uaaaaaa).
Ich hatte sogar die Ehre (oder die Pflicht?) die Frau und die Tochter eines Auftragkillers zu untersuchen. Aber sie haben mich beruhigt; sie hatten ihm schon gesagt, dass er in ihrem Revier niemanden töten darf (ausser sie befehlen es ihm vielleicht ;) ).
Aber das Alles mal nur nebenbei erwähnt. Wir haben viele Kinder, Frauen (ich) und Männer (Tobi, unter anderem mit Potenzproblemen) behandelt. Die Armen waren so arm, dass es einem richtig in der Seele weh getan hat.
Die Wohlhabenderen, kamen mit allen bereits durchgeführten medizinischen Testergebnissen, und wollten einfach nur schauen und eine zweite Meinung einholen. Pro Tag hat jeder von uns mind. 40 bis 100 Patienten am Tag gesehen in Zimmern ohne Strom und Licht, ohne fliessend Wasser, ohne Heizung (es war echt kalt), mit zwanzig Frauen vor der Tür die alle zuschauen wollten, und deshalb auch nicht gegangen sind. Danach war man total geplättet.
Das Schlimmste für mich persönlich war, zwei bis drei Wochen alte, kranke Säuglinge zu sehen, die halb nackig waren, keine Windeln anhatten und sich natürlich eingenässt haben und so den ganzen Tag herumgetragen worden sind. Total verdreckt… und wenn die Kinder irgendwo Wunden hatten, haben sie sie zum Medizinmann in der Ortschaft gebracht und haben eine mit Gebeten besprochene Henna-Paste auf die Wunde schmieren lassen. Wie die Bazillen sich unter dieser Masse vermehrt und der Eiter sich gesammelt hat muss ich wohl nicht erwähnen. Es war unglauuuuuuuuuuuuuuublich (Schreikrampf), weil wir das arme Kind ja dann festhalten mussten, diese Kruste wegmachen (tut ja gar nicht weh) und die Wunde säubern. Zum Glück gibt es Antibiotikum!!!
Erfreulicherweise ging es allen besser.
Nur eine Oma konnten wir nicht überzeugen. Ihr Enkel hatte sich das Handgelenk gebrochen, der Knochenheiler hatte eine Currypaste draufgeschmiert und mit Karton eingebunden. Das Ganze hatte er so gut gemacht, das die Durchblutung der Hand fast gänzlich abgeschnürt war, und die Hand ballonartig angeschwollen war. Ganz abgesehen von der Tatsache dass der Bruch schon falsch zusammenheilte und er die Hand nicht mehr drehen konnte. Wir haben versucht sie zu überzeugen, dass er ins Krankenhaus muss weil er sonst zum Krüppel wird, dass alle Kosten übernommen werden usw. Tja sie sind einfach verschwunden und nicht mehr wiedergekommen. Da steht man dann, total fassungslos, aber gut.
Die Menschen sind so arm und ungebildet, dass Hygiene ein Fremdwort ist. Aber Asif (der Organisator dort), seine Frau und seine Freunde werden dem hoffentlich langsam aber sicher Abhilfe schaffen.
Das sind echt bewundernswerte selbstlose Menschen. Die waren für vier bis fünf Jahre in Amerika (mit einem christlichen Projekt), kamen dann nach Pakistan zurück, im Ungewissen darüber ob sie wieder dort leben wollen oder nicht. Und dann kam das Erdbeben, woraufhin sie beschlossen haben dort zu bleiben und den Menschen zu helfen. In Balakoth sieht man immernoch die Spuren des Erdbebens. Eingestürzte Häuser, Risse in der Strasse, Menschen die in Zelten leben.
Zwei Kinder haben mit eigenen Augen mit anschauen müssen, wie mit einem Erdbebenstoß die Erde aufriss und ihre Eltern (die auf dem Feld arbeiteten) reinfielen, und dann mit einem zweiten Stoß sich die Erde wieder verschloss. Wie man sowas wohl verarbeiten soll. Da fehlen einem einfach die Worte…
Kurz nach dem Erdbeben kam noch eine Flut…
Ein wunderschönes Land, sehr nette Menschen (man darf halt keine Frau sein, kleiner Scherz am Rande) und viel Armut.
Asif und seine Familie (vier Kinder) waren sooo süß, ich habe mich dort sehr wohl gefühlt.
Resumee: wenn nur einem einzigen Menschen damit geholfen wurde, war es die Zeit, die Angst und die Strapazen tausendfach wert.
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